Kategorie-Archiv: Wandernder Stempelkasten

Wandernder Stempelkasten Station 2

Burgruine Lichtenstein, Osterode (16. Juni – 15. August)

Die Ruine der Burg Lichtenstein befindet sich auf einer kleinen Anhöhe in einem Naturschutzgebiet am Südwestrand des Harzes und liegt nur wenige Kilometer von Osterode. Sie befindet sich in einem geologisch interessanten Gebiet. Die erste urkundliche Erwähnung der Burg datiert aus dem Jahre 1404. Sie erlebte im Laufe der Geschichte zahlreiche Besitzerwechsel, die letzten Nutzer der Burg waren Fürsten von Grubenhagen.

Die Lichtensteiner Kurrende

„Auf dem Lichtenstein zwischen Dorste und Osterode hört man oft einen Gesang und ist doch niemand sichtbar. Der Spielmann Wolf sah dort aus einem Loche einmal wohl dreißig Schüler in blauen Zarschmänteln hervorsteigen und singend in den reinsten Tönen und ohne nur einmal im Singen anzuhalten, wie eine gute Kurrende auch nicht muß, bis nach dem Buchenholze gegenüber hingehen, wo zu Himmelfahrt das Fest gefeiert wird, das die Osteröder den Füllenmarkt nennen, weil die jungen Leute dort so gern über den Strang schlagen. Wer aber dann, wenn die Schüler aus der Grube gestiegen sind, das Herz hätte, dahinein zu steigen, der könnte große Schätze herausholen. Der Spielmann Wolf hatte es nicht, darum ist er als ein armer Teufel gestorben.“

[Text nach Heinrich Pröhle: Harzsagen.- 1853]

Die Sage im Kopfe untersuchten Anfang 1980 Höhlenforscher am Fuße des Lichtensteins, hart über dem Sösetal, eine kleine Spaltenhöhle. Die Biologin Kathrin von Ehren aus Hamburg entdeckte nach Überwindung unsäglicher Engstellen die ersten menschlichen Gebeine. Danach waren sie nach fast 3.000 Jahren die ersten Menschen in den dann folgenden fünf kleinen Räumen. Nach dem schlichten Bronzeschmuck war der Fund datierbar, anhand der Schädel und Zähne der allent­halben verteilt liegenden Ske­­lette zählten die Entdecker in dieser Nacht 30 Jugendliche.

Der Fund war nicht nur, wie den beteiligten Wissenschaftlern sofort klar war, eine Sensation; er löste tiefes Grübeln aus: konnte sich in Dorste das Wissen um die dreißig Knaben im Lichtenstein über bald 3.000 Jahre erhalten haben? Bis heute konnte – auch von den Sagenforschern – dieses Rätsel nicht beantwortet werden.

(Text: Firouz Vladi, Osterode) 

 

Lichtenstein1Lichtenstein_Burg_Mauer

51°43’13.47″N

10°10’33.29″E

Eine Wanderung auf den Spuren des Lichtensteins

Vom Mammutstein zur Lichtensteinhöhle

An einem leicht bedeckten Nachmittag startete die schöne Wanderung vom Mammutstein, über den Lichtenstein zur Lichtensteinhöhle.

Beginn der Wanderung war der Parkplatz am Gipswerk Casea zwischen Förste und Osterode am Harz. Von hier aus erreicht man mit ein paar Schritten den Mammutstein.

Dieser Stein wurde zur Erinnerung aufgestellt, welche Tierarten hier mal heimisch waren. Zum einen das Wollnashorn, wovon drei Skelette im Hainholz entdeckt wurden. Zum anderen wurde bei Wegebauarbeiten zwischen Ührde und der B 241 jener Backenzahn vom Mammut gefunden, an dem die Tierart Mammut von Göttinger Wissenschaftlern definiert wurde. Weiterhin zeigten sich Funde vom Riesenhirschen und anderen Großsäugern in den Schlotten im Gipsgestein. Der Mammutstein informiert über diese Funde, für die Osterode in der Fachwelt seit über 250 Jahren berühmt ist. Heute fast unvorstellbar, dass solche Eiszeitriesen einmal im Harz gelebt haben.

Den Mammutstein hinter uns gelassen, ging es weiter entlang des südlichen Harzvorlandes. Der Blick schweifte immer wieder ab vom Weg. Rechts und links zeigten sich die extremen Erdfallbildungen, enstanden durch die Auflösung des hier in geringer Tiefe anstehenden Gipsgesteins. Bei 900 mm Niederschlag im Jahr geht diese recht rasch, die Erde wirkt fast wie eine Kraterlandschaft.

Dieses Landschaftsbild begleitet uns eine Weile auf dem Weg zum Lichtenstein, den wir ganz fest vor Augen hatten. Schon nach kurzer Zeit wendeten sich die Blicke wieder vom Weg ab. Auf dem Waldboden sah man rätselhafte parallele Rinnen, dazwischen langgestreckte Aufwölbungen. Firouz Vladi erklärte, dass es sich hierbei um sogenannte Wölb-Äcker handelt. Diese wurden im Mittelalter angelegt, damit die damaligen Burgbewohner sich selbst verpflegen konnten.

Nach diesem Stopp ging es weiter zum Lichtenstein, der sich vor uns auftat. Der Lichtenstein ist ein 260,9 m ü. NHN hoher Berg im südwestlichen Harzvorland. Der Lichtenstein liegt im Naturschutzgebiet Gipskarstlandschaft und im FFH Gebiet Gipskarstlandschaft bei Ührde. Beim Aufstieg zeigt sich zuerst der ehemalige Burggraben, der noch sehr gut zu erkennen ist. Ein paar kräftige Schritte weiter bergauf, erkennt man die wenigen Überbleibsel der ehemaligen Burg Lichtenstein. Die Burg wurde 1404 erstmals urkundlich als Eigentum der Herzöge von Grubenhagen erwähnt. Die heutigen Überreste gehören wohl zu der früheren Ringmauer, die mal den gesamten Burghügel umschloss. Die Burg Lichtenstein wurde wegen ihrer hellen Steine auch die „Silberburg“ genannt.

In den späteren Jahren wurde die Burg einige mal verpfändet bis sie nach dem Dreißigjährigen Krieg dem Räuber Hans Warnecke aus Eisdorf als Unterschlupf diente, was die Burg zu einer Raubburg machte.

Allerdings gibt es wenige Informationen drüber, wie die Burg früher mal aussah. Eine Annahme kann jedoch sehr gut bestätigt werden. Der Berg um die Burg herum, muss bis auf einige alte Bäume ohne Bewaldung gewesen sein. Das lässt sich heute noch am Bestandesalter erkennen. Das kann den Grund gehabt haben, mögliche Feinde schnell wahrzunehmen, aber auch die Burgen im Umkreis erkennen zu können und den Burgberg zur Nahrungsproduktion zu nutzen.

Der Aufstieg zum Lichtenstein, ist auch zu dieser Jahreszeit ein Erlebnis für die Sinne. Ein wunderbarer Duft von Bärlauch liegt in der Luft, der den Wanderer begleitet.

Mit dem Bärlauch in der Nase folgte der Abstieg. Das nächste Ziel war die Lichtensteinhöhle. Auf dem Weg dahin, zeigten sich wieder eine unglaubliche Anzahl sehr großer und tiefer Erdfälle im hier bis zur Oberfläche anstehenden Gipsgestein. Hier ist es sehr interessant, das in den Erdfällen der für die Region seltene Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium L.) vorkommt. Dieser Farn gehört zur Familie der Streifenfarngewächse mit weltweit mehr als 700 Arten. Die Hirschzunge mag gerne Standorte die schattig, steil und feucht sind, außerdem gerne kalkige oder gipshaltigen Böden. Die Bedingungen werden in den Erdfällen mehr als erfüllt.

Weiter ging die Wanderung auch auf Teilstrecken des Karstwanderweges, bis wir am Weg stehen geblieben sind. Der Blick schweifte zur Seite, bei gutem Hinsehen erblickte man den Eingang zur Lichtensteinhöhle. Der Eingang ist am Felsen versteckt und auch von außen aus Sicherheitsgründen verschlossen. So ist er gar nicht so einfach zu erkennen. Die Höhle wurde 1972 von drei Förster Heimatforschern entdeckt, als sie nach einem möglichen Geheim- oder Fluchtweg unterhalb der Burg suchten.

Wir blieben unterhalb des Eingangs stehen und Firouz Vladi begann zu erzählen, wie er die ersten Funde in der Höhle gemacht hat. 1980 war er mit Hamburger Studenten in der Lichtensteinhöhle. In Begleitung von Kathrin von Ehren versuchten sie in die enge Höhle hineinzukommen. Kathrin von Ehren quetsche sich förmlich in eine Fortsetzung der Höhlenspalte. Er sah sie gar nicht mehr, hörte nur noch die Rufe „ Ey hier liegt einer“. Sie brachte Knochen und einen Bronzering mit aus der engen Höhle heraus.

Doch dies ließ Vladi keine Ruhe, dieser Fund kann nicht alles gewesen sein. Er wagte nochmal den Einstieg in die Höhle diesmal mit dem schlanken Sohn eines Freundes, der ihm an den sehr engen Stellen ein wenig den Weg frei machte. Her Vladi quetschte sich nun selber den engen Gang entlang. Auf einmal spürte er, dass über seinem Kopf etwas vom Gestein herunter rieselte. Er wühlte mit der Hand weiter und plötzlich viel ein menschlicher Unterkiefer samt Zähnen von oben auf sein Gesicht.

Daraufhin grub er an der Stelle weiter bis er selber hindurch passte. Durch diesen Gang, eröffnete sich ihm eine Kammer, wo zwei komplette Skelette mit etwas Bronzeschmuck lagen. Dieser Kammer folgten noch vier weitere. An diesem Tag fanden sie ca. 30 Schädel. Vermutet wurde, dass es sich hierbei um die Leichen Jugendlicher aus der Bronzezeit handelt.

Die Höhle wurde danach archäologisch genaustens untersucht. Es wurden insgesamt 63 Leichen gefunden, die bis auf zwei miteinander verwandt waren. Es wird heute davon ausgegangen, dass es sich hier um eine Familiengrabstätte handelt. Die Leichen waren gut genährt und gesund. Laut den weiteren Funden wie z.B. Schmuckstücke lässt sich davon ausgehen, dass es sich um bürgerliche Menschen der Bronzezeit und keinen Adel gehandelt hat. Außerdem kann man davon ausgehen, dass diese Gruppe Menschen anders gelebt haben muss. Die Körper wurden nicht wie üblich verbrannt, sondern so begraben. Die Leichen stammen aus der Zeit um ca. 900-700 vor Christus.

Um nähere Informationen über das Leben und was aus dieser Gruppe Menschen geworden ist zu bekommen, wurden weiter Nachforschungen angestellt. Es wurde dazu aufgerufen, dass Einwohner aus Dorste und Förste, die schon lange dort wohnen, eine DNA-Probe abgeben. Damit sollte nachvollzogen werden, ob eventuell eine Verwandtschaft nachgewiesen werden kann. Und tatsächlich, 50 Leute sind irgendwie miteinander verwandt und zwei Personen sind direkte Verwandte. Somit zeigt es, dass die Familien, ja die ländliche Bevölkerung hier schon lange leben.

Nach dieser spannenden und packenden Erzählung ging es auf dem Weg des Karstwanderweges zurück zu dem Startpunkt am Gipswerk Casea. Die Wanderung ging ca. 2,5 Stunden und ist wirklich eine Empfehlung für Jedermann der sich einmal auf die Spuren des Lichtensteins begeben möchte.

Wer diese erstaunlichen Funde näher betrachten will, dem sei ein Beuch im HöhlenErlebnisZentrum in Bad Grund ans Herz gelegt.